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Kinderarmut entgegentreten

Als Fachkraft finden Sie hier eine fundierte Einführung in das Thema Kinderarmut in Deutschland – mit Fokus auf Auswirkungen, Lebenslagen und die professionelle Haltung im Umgang mit betroffenen Familien.

Kinderarmut in Deutschland: Herausforderungen und Handlungsbedarf für Fachkräfte

Kinderarmut ist ein drängendes gesellschaftliches Problem in Deutschland, welches weitreichende Auswirkungen auf die Entwicklung und Folgen für das Wohlbefinden von Kindern hat. Dabei ist es für Fachkräfte von zentraler Bedeutung, die Auswirkungen und Wirkungszusammenhänge zu verstehen, die mit Kinderarmut einhergehen. Wichtig ist es, ein Bewusstsein dafür zu haben, dass armutsbetroffene Kinder und Jugendliche keine Möglichkeit haben, selbst etwas an ihrer Situation zu ändern, denn Kinderarmut ist immer auch Familienarmut. Insofern spielt die Unterstützung der Familien eine zentrale Rolle beim Handeln von Fachkräften. 

Trotz des großen Wohlstands in unserem Land ist jedes fünfte Kind von Armut betroffen, was sich negativ auf ihre Bildungschancen, Gesundheit und soziale Teilhabe auswirkt und letztlich negative Folgen für das gesamte Leben nach sich ziehen kann. Fachkräfte aus den Bereichen Sozialarbeit, Bildung und Gesundheit spielen eine entscheidende Rolle bei der Identifizierung und passgenauen Unterstützung betroffener Kinder und ihrer Familien. Dazu gehört auch ein umfangreiches Wissen, welche Unterstützungsangebote vorhanden und wo diese zu beantragen sind.

Artikel 27 UN-Kinderrechtskonvention

Das Recht, gut leben zu können

Es ist in erster Linie Aufgabe der Eltern oder anderer für das Kind verantwortlicher Personen, im Rahmen ihrer Fähigkeiten und finanziellen Möglichkeiten die für die Entwicklung des Kindes notwendigen Lebensbedingungen sicherzustellen. Die Vertragsstaaten treffen gemäß ihren innerstaatlichen Verhältnissen und im Rahmen ihrer Mittel geeignete Maßnahmen, um den Eltern und anderen für das Kind verantwortlichen Personen bei der Verwirklichung dieses Rechts zu helfen, und sehen bei Bedürftigkeit materielle Hilfs- und Unterstützungsprogramme insbesondere im Hinblick auf Ernährung, Bekleidung und Wohnung vor.

alle Kinderrechte im Wortlaut

Risikofaktoren und besonders gefährdete Gruppen von Kinderarmut in Deutschland

Als arm gilt, wer mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens auskommen muss.

Klassismus

Im Kontext von Armut fällt häufig auch der Begriff Klassismus – eine Form sozialer Diskriminierung, die sich gegen Menschen aus armutsbetroffenen oder einkommensschwachen Milieus richtet. Dabei geht es nicht nur um das aktuelle Einkommen, sondern auch um die soziale Herkunft und die Lebensverhältnisse, in denen eine Person aufgewachsen ist. Klassismus zeigt sich beispielsweise im Ausschluss von Menschen aus dem gesellschaftlichen Leben – etwa durch Vorurteile, Stigmatisierung oder strukturelle Benachteiligungen. 

Um die Zusammenhänge besser zu verstehen und Anregungen für Ihre (pädagogische) Praxis zu bekommen, besuchen Sie auch unsere Seite zum Thema Klassismus.

Auswirkungen von Kinderarmut

Um die Auswirkungen von Kinderarmut zu verstehen ist das Lebenslagenmodell geeignet. Es zeigt, dass Kinderarmut nicht nur ein finanzielles Problem ist, sondern Auswirkungen auf viele Lebensbereiche hat, die miteinander verknüpft sind. Fachkräfte, die mit betroffenen Kindern und Familien arbeiten, sollten diese Mehrdimensionalität im Blick haben, um gezielte und ganzheitliche Unterstützungsangebote zu entwickeln.

    Materielle Lebenslage

    Dies bezieht sich grundsätzlich auf die finanzielle Situation, also das Einkommen der Familie. Dadurch sind Zugänge zu grundlegenden Gütern des alltäglichen Lebens und Dienstleistungen nicht oder nur eingeschränkt möglich. Dies beeinflusst oft auch die Wohnsituation. Kinder aus einkommensschwachen Familien haben in den meisten Fällen nicht die gleichen materiellen Ressourcen wie Kinder gleichen Alters, was sich negativ auf ihre Entwicklung auswirken kann.

    Soziale Teilhabe als Lebenslage

    Kinderarmut schränkt häufig die sozialen Kontakte und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ein. Armutsbetroffene Kinder und Jugendliche haben oftmals weniger Möglichkeiten, an schulischen Aktivitäten, wie Ausflügen und Klassenfahrten teilzunehmen. Auch Freizeitaktivitäten wahrzunehmen, Sportvereinen beizutreten oder außerschulischen Bildungsaktivitäten, wie beispielsweise eine Musikschule zu besuchen oder Nachhilfe in Anspruch zu nehmen, ist häufig nicht möglich. Diese Einschränkungen können zu sozialer Isolation führen.

    Kulturelle Lebenslage

    Weniger Zugang zu hochwertiger Bildung und kulturellen Angeboten bezieht sich einerseits auf die Möglichkeit, einen guten Schulabschluss zu bekommen, was letztlich Einfluss auf die späteren Chancen und die berufliche Laufbahn hat. Andererseits beschränkt Kinderarmut den Zugang zu kulturellen Angeboten wie Museen, Theatern, Konzerten oder Sportveranstaltungen. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die soziale Teilhabe, die Entwicklung von Interessen und Talenten, sowie das Selbstwertgefühl und die sozialen Kompetenzen von Kindern. 

    Gesundheitliche Lebenslage

    Kinderarmut hat erhebliche gesundheitliche Auswirkungen, sowohl physisch als auch psychisch. Wenn aufgrund von geringen finanziellen Ressourcen eine gesunde Ernährung schwierig ist, kann das zu Übergewicht, aber auch zu Mangelernährung führen. Oftmals ist der Zugang zu medizinischer Versorgung limitiert, wodurch notwendige Vorsorgeuntersuchungen und Behandlungen nicht in Anspruch genommen werden. Armutsbetroffene Kinder können über weniger Selbstwertgefühl und emotionale Stabilität verfügen, was sich auf Entwicklungschancen negativ auswirken kann. 

Kinderarmut ganzheitlich betrachten: Was Fachkräfte beachten müssen

Als Konsequenz aus dieser multidimensionalen Betrachtungsweise ergibt sich für Fachkräfte, dass im professionellen Handeln verschiedene Aspekte entsprechend berücksichtigt werden müssen. Grundlegend ist es dabei, die Situation und die Folgen von Armut in Bezug auf die einzelnen Lebenslagen zu verstehen.

Hinzu kommt, dass Armutsfolgen variieren, und zwar nach

  • Alter
  • Migrationsgeschichte
  • Sprachkompetenz
  • Familiensituation
  • Region (Stadt/Land)
  • und Zugang zu Kindertagesbetreuung bzw. Schule 

Die Auswirkungen der finanziellen Ressourcenknappheit betreffen im privaten Lebens- und Lernumfeld sowie in der Schule die Ausstattung, Lernmaterialien, den Computer- und Internetzugang und den Zugang zu Freizeitmöglichkeiten.

Ebenso ist es für Fachkräfte wichtig zu wissen, welche staatlichen familienbezogenen oder Sozialleistungen (Kindergeld, Kinderzuschlag, Wohngeld, Leistungen der Bildung und Teilhabe, Bürgergeld) existieren und wo diese zu beantragen sind.

Dafür können Sie zum Beispiel auf die Seite der Sozialplattform  verweisen. Dort können Informationen z.B. zum Kindergeld, Kinderzuschlag oder dem Bildungs- und Teilhabepaket sowie direkte Antragsformulare gefunden werden.

Neben diesen staatlichen Leistungen ist es auch vorteilhaft, Kenntnis über lokale (kostenfreie und vergünstigte) Angebote z.B. im Hinblick auf Schulessen, Lern- oder Nachhilfeangebote und regionale Förderprogramme zu haben.  

Armutssensibles Handeln als professionelle Haltung

Armutsbetroffene Kinder und Jugendliche tragen nicht die Schuld für ihre Situation. Sie selbst haben keine Möglichkeit etwas daran zu ändern, denn Kinderarmut ist immer auch Familienarmut. 

Um in der fachlichen Praxis professionell und armutssensibel zu handeln, muss ein Bewusstsein dafür vorhanden sein.

Kinder und Jugendliche erleben aufgrund der geringeren finanziellen Möglichkeiten in den Familien Stigmatisierung, ständige Entbehrungen und Ausgrenzung. Für Pädagog*innen, Fachkräfte, aber auch Institutionsleitungen ist es von besonderer Wichtigkeit, die Situationen von Kindern und Familien mit Armutsrisiko besonders aufmerksam, respektvoll und gezielt zu berücksichtigen. Dabei sollte die professionelle Haltung von Wertschätzung, und Respekt geleitet sein. Es ist zudem wichtig, Vertraulichkeit zu wahren und Stigmatisierungen zu vermeiden. Es bedarf einer ständigen und eigenständigen Reflexion dieser Haltung. Es gilt lösungsorientiert zu bleiben, verantwortungsvoll zu handeln und kontinuierlich auf die Verbesserung der Teilhabechancen in den unterschiedlichen Dimensionen der betroffenen Kinder abzuzielen. Zudem ist in der Haltung von einer Defizitorientierung abzusehen. Stattdessen sollen die Stärken und Potenziale der Kinder hervorgehoben und unterstützt werden.  

Einbeziehen von Eltern/Erziehungsberechtigten

Im Idealfall werden die Eltern oder Erziehungsberechtigten frühzeitig eingebunden und auch in ihren Aufgaben unterstützt. Auch hier ist ein wertschätzendes und respektvolles Vorgehen handlungsweisend. Dabei stehen im Vordergrund: 

  1. die Entwicklung individueller Hilfspläne gemeinsam mit der Familie
  2. die regelmäßige Abstimmung mit relevanten Akteur*innen (z.B. Schule, Schulen, Schulsozialarbeit, Jugendämtern, Gesundheitsdiensten, freien Trägern, Wohlfahrtsverbänden, Erziehungs- oder Migrationsberatungsstellen etc.) 

Diese Abstimmung sollte gemeinsam mit den Eltern oder den Erziehungsberechtigten, zumindest im Regelfall mit deren Kenntnis erfolgen. Die Unterstützung kann beispielsweise beim Zugang zu Formularen, dem Ausfüllen von Anträgen, der Einhaltung Fristen oder auch nur bei Hilfe von Terminvereinbarungen (z. B. bei Bildungspaket, Kinderzuschlag, Grundsicherung, Elterngeld oder Elternzeitregelungen) erforderlich sein. 

Unser Einsatz gegen Kinderarmut

Das Deutsche Kinderhilfswerk setzt sich für die Bekämpfung von Kinderarmut ein: mit der Förderung armutsbetroffener Familien und auf politischer Ebene. Durch unsere Lobbyarbeit wirken wir auf die nachhaltige Überwindung von Kinderarmut in Deutschland hin. Neben der besseren finanziellen Unterstützung von Familien fordern wir eine Gesamtstrategie, die auch die Auswirkungen von Armut auf andere Lebenslagen in den Blick nimmt. 

Bund, Länder und Kommunen stehen in der gemeinsamen Verantwortung, allen Kindern ein gutes und gesundes Aufwachsen sowie gleiche Lebenschancen – unabhängig von Wohnort und Herkunft – zu ermöglichen. Es braucht mehr Investitionen in Bildung, den Ausbau der Ganztagsschulen, damit mehr Eltern Vollzeit arbeiten können, sowie höhere Löhne und Maßnahmen in der Wohnungspolitik, um bezahlbaren Wohnraum zu sichern. Mehr dazu, wie wir bei der Bekämpfung von Kinderarmut vorgehen, können Sie auf unserer Hauptseite in Erfahrung bringen.