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Kinderarmut im ländlichen Raum hat besondere Ausprägungen und bleibt oft unsichtbar. Sie ist geprägt von verdeckter Armut und mangelnder Mobilität, was zu sozialer Isolation führen kann. Erfahren Sie mehr über die Herausforderung betroffener Familien und wie mit kommunalen Präventionsketten dagegen vorgegangen wird.
Armut ist facettenreich und in Deutschland von regionalen Disparitäten geprägt. Im Vergleich zum städtischen Raum erfährt der ländliche Raum im Armutskontext leider nur untergeordnete Betrachtung. Dies begründet zum einen den Umstand, dass Armut oft nach Kohorten untersucht wird und weniger nach räumlichen Referenzkategorien. Dabei leben 57% der deutschen Gesamtbevölkerung auf dem Land. Vor allem im ländlichen Raum, müssen Narrative über Armut dekonstruiert werden, da ihre Auswirkungen sich oftmals an den Charakteristiken der Regionalstruktur orientieren. Diese sind zum Beispiel:
Neben den strukturellen Auswirkungen ist auch das soziale Umfeld im ländlichen Raum von relevanter Bedeutung. Der soziale Raum ist geprägt durch eine hohe soziale Dichte, enge Gemeinschaften. Solche informellen Strukturen bringen mit sich, dass man sich untereinander kennt. Dies führt dazu, dass Armut innerhalb der Gemeinschaft schneller sichtbar wird. Die erhöhte Sichtbarkeit wiederum begünstigt eine raschere soziale Stigmatisierung, da Armut häufig als individuelles Versagen und nicht als strukturelles Problem wahrgenommen wird. In der Folge entwickeln Betroffene schneller Schamgefühle und versuchen, ihre Armut zu verbergen.
Um die Situation von armutsbetroffenen Personen, besonders Kindern und Jugendlichen, zu verbessern, bedarf es systemischen Maßnahmen, um den strukturellen und individuellen Problemlagen zu begegnen. Ein bewährtes Vorgehen ist die kommunale Präventionskette, die als ganzheitliches Konzept Armut in ihren komplexen Auswirkungen begreift und erfasst.
Präventionsketten sind strategisch aufgebaute, miteinander verknüpfte Unterstützungsangebote einer Kommune, die Kinder und ihre Familien von der Schwangerschaft bis ins junge Erwachsenenalter begleiten. Mithilfe einer Präventionskette soll Armut frühzeitig verhindert bzw. ihre Folgen vermindert werden. Die Präventionskette funktioniert dabei wie eine lückenlose Begleitung („Kette“) durch verschiedene Lebensphasen und vermeidet infolgedessen Brüche bei den Übergängen des Unterstützungssystems, beispielsweise von der Kita in die Grundschule. Statt einzelner, isolierter Maßnahmen werden Angebote koordiniert, aufeinander abgestimmt und langfristig geplant.
Als Deutsches Kinderhilfswerk flankieren wir mit dem Projekt “Mehr Chancen für Kinder im ländlichen Raum” die Bemühungen, Kinderarmutsprävention besser aufzustellen und begleiten ländliche Kommunen bei dem Aufbau von Präventionsketten.
Hierfür wurden mit den Fördermitteln der Deutschen Postcode-Lotterie in allen Kommunen koordinierende Stellen geschaffen. Insbesondere im Hinblick auf die oftmals dramatischen Haushaltslagen in deutschen Kommunen, ist es notwendig Fördermöglichkeiten zu schaffen, die Kommunen bei relevanten gesellschaftspolitischen Projekten und der Umsetzung der sozialen Daseinsfürsorge unterstützt.
Für den erfolgreichen Aufbau einer Präventionskette ist die Etablierung einer vor Ort koordinierenden Position mit kommunalem Stellenanteil notwendig. Die wichtigsten Aufgaben von Fachkräften in einer Präventionsketten sind die Bedarfe der Kommune zu ermitteln und daraus Handlungsmaßnahmen abzuleiten. Mithilfe von Netzwerken, Steuerungsgruppen und einer geeigneten Interessensvertretung, kann Kinderarmut kommunal in den Fokus gerückt werden. Eine drei- bis achtjährige Zeitspanne erlaubt es, die Präventionskette so zu implementieren, dass sie nach Ablauf der Förderperiode nachhaltig und unabhängig von einer dezidierten Koordinierungsstelle fortbestehen kann.
Da Präventionsketten ein langfristiges und komplexes Unterfangen sind, haben wir vier Instrumente identifiziert, die niedrigschwellig in Kommunen angewendet werden können:
Ziel des Projektes ist die Verbesserung der Teilhabechancen von Kindern im ländlichen Raum, die von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen sind. Konkretes Wirkungsziel ist die strukturelle Verankerung von kinderrechtlichen und armutspräventiven Perspektiven durch Vernetzung und Austausch in den beteiligten Kommunen und den Landkreisen sowie die Sensibilisierung bzw. Aus- und Weiterbildung von Fachkräften mit Fokus auf der Beteiligung von armutsbetroffenen Kindern.
Mit den folgenden Kommunen arbeiten wir aktiv daran, den Folgen von Kinderarmut im ländlichen Raum entgegenzuwirken:
| Kommue | Ansprechperson | Kontakt |
|---|---|---|
| Bernsdorf (SN) | Silvio Thieme | silvio.thieme@raa-sachsen.de |
| Beeskow (BB) | Katharina Muck | katharina.muck@beeskow.de |
| Glauburg (HE) | Mira Weiß | mira.weiss@regionale-diakonie.de |
| Lamspringe (NI) | Özlem Kaplan | oe.kaplan@lamspringe.de |
| Malchow (MV) | Katharina Hiller | katharina.hiller@kultur-malchow.de |
| Einheitsgemeinde Tangerhütte (ST) | Eileen Wolf-Köppe Thorau Anna-Maria |
Im Projekt haben sich die Kommunen mit Unterstützung des Deutschen Kinderhilfswerkes auf den Weg gemacht, ihre Hilfs- und Unterstützungsangebote zu überprüfen und zu verbessern. Dabei evaluieren wir gemeinsam die bestehenden Hilfsangebote und Strukturen, analysieren die Schwerpunkte anhand von verfüg- und überprüfbaren Daten und schauen, wo es Hürden und Probleme beim Zugang zu Familienleistungen, wie dem Kinderzuschlag oder dem Wohngeld gibt.
In allen sechs Projektkommunen wurden Bedarfs-, Daten- und Akteur*innenanalysen durchgeführt. Ebenso erfolgte eine genaue Betrachtung der kommunalen Unterstützungsangebote sowie eine Umfrage unter den relevanten Akteur*innen mit professionellem Bezug zum Thema Kinderarmut. Ziel war es, entsprechende Schwerpunktsetzungen, kommunale Besonderheiten und regionale Herausforderungen zu identifizieren. Neben der Etablierung von Steuerungsgruppen und einer Koordinierungsgruppe stehen die Sicherung und Weiterentwicklung der bereits aufgebauten Strukturen im Fokus. In diesem Schritt werden erprobte Lösungsansätze fokussiert und evaluiert.
Da Präventionsketten ein niedrigschwelliges Instrument zur Unterstützung von Kindern und Familien sind, bieten sie vielfältige Möglichkeiten für nachhaltige Strategien zur Bekämpfung von Kinderarmut. „Mehr Chancen für Kinder im ländlichen Raum“ fokussiert eine Ausweitung der Präventionskettenarbeit auf die jeweilige Landkreisebene. Dadurch soll die Fortführung der Präventionsketten in den Projektkommunen gewährleistet werden – unabhängig von der Förderung durch die Deutsche Postcode Lotterie und der Begleitung durch das Deutsche Kinderhilfswerk.
Durch den Austausch über funktionierende Ansätze und Methoden soll zur Entwicklung eines integrierten Handlungskonzepts für ein wirksames Vorgehen gegen Kinderarmut sowie zur Erhöhung der Teilhabechancen beigetragen werden.
Deshalb fordert das Deutsche Kinderhilfswerk, dass kommunale Präventionsketten ebenso eine gesetzliche Verankerung erhalten wie die Frühen Hilfen. Dadurch würde die Präventionskettenarbeit zu einer Pflichtleistung werden und eine regelhafte Finanzierung wäre sichergestellt, wenn Bund und Länder die entstehende finanzielle Belastung der Kommunen tragen und deren Haushalte entlasten. Die weiteren politischen Forderungen des Deutschen Kinderhilfswerkes finden Sie hier:
Für unser Projekt „Kinderrechte im kommunalen Verwaltungshandeln“ suchen wir eine*n Autor*in für einen innovativen und praxisorientierten Fachbeitrag (ca. 5–6 Seiten) zum Thema "Kinderrechte im Verwaltungshandeln". Unsere Themenseite und bereits existierende Fachbeiträge finden Sie unter: Kinderrechte im Verwaltungshandeln
Abgabe: 31.10.2026
Honorar: 800 €
Interesse? Dann melden Sie sich bis zum 30.09.2026 bei rosery@dkhw.de, mit einer formlosen Konzeptidee zum Beitrag und einem kurzen Überblick über Ihre fachliche Qualifikation.
Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung!