Grundgedanke |
Das in Schottland im September 2019 verabschiedete Klimawandel-Gesetz zur Emissionsreduktion erforderte die Einberufung einer Bürgerversammlung zum Thema Klimawandel. In ihrer Rolle als von der schottischen Regierung unabhängige Institution brachte die Versammlung über 100 Teilnehmende aus verschiedenen sozialen Schichten zusammen, um sich zu informieren, zu beratschlagen und Empfehlungen darüber auszusprechen, wie die Klimakrise effektiv und gerecht angegangen werden kann. Da die Mitglieder der Versammlung zwischen 16 Jahren und älter waren, lud das Sekretariat zum Zweck der besseren Beteiligung und Mitwirkung von Kindern aus ganz Schottland das schottische Kinderparlament, eine gemeinnützige Organisation, die sich für die Teilhabe von Kindern an politischen Entscheidungsprozessen einsetzt, ein. Die Einbeziehung von Kindern in die schottische Klimaversammlung stellt einen bedeutenden Meilenstein dar in dem Bestreben, Kinderrechte durch ihre Mitwirkung bei klimapolitischen Entscheidungen umzusetzen. |
Beschreibung |
Das Kinderparlament hat mit mehr als 100 Kindern im Alter von 7 bis 14 Jahren aus zehn Städten und Regionen zusammengearbeitet. Eine ganze Reihe der Teilnehmenden hatten keine aktiven Erfahrungen im Klimaschutz. Aufgrund der Covid-19-Pandemie wurde die Konsultationsphase online durchgeführt und umfasste unter anderem folgende Projekte: - Interaktive Online-Studien: 113 Kinder aus insgesamt zehn, über das ganze Land verteilten Schulen haben an drei digitalen Studien teilgenommen. Jede dieser Studien beinhaltete einen kreativen, vom Kinderparlament entwickelten Workshop, der die Kinder zur Teilnahme entweder in der Schule unter Aufsicht der Lehrkräfte einlud oder die Online-Teilnahme von zu Hause gestattete. Jede Studie enthielt sowohl quantitative als auch qualitative Fragen und forderte die Teilnehmenden auf, kreative Arbeiten einzureichen. Die Themen hielten sich an die Vorgabe der von den älteren Teilnehmenden in der Klimaversammlung behandelten Themen.
- Von Kindern geleitete Untersuchungen: Das Kinderparlament-Team arbeitete mit zwölf Kindern aus vier der teilnehmenden Schulen eng zusammen, um die während der Konsultationsphase angeschnittenen Themen tiefergehend zu diskutieren. Einmal pro Monat erhielten die Kinderermittler*innen per Post einen „Missionsauftrag“, gespickt mit lustig-kreativen Aktivitäten, die es für das nächste Online-Treffen vorzubereiten galt. Die Mitglieder trafen sich zweimonatlich auf einem vom Kinderparlament-Team organisierten Online-Videocall.
- Videos: Zur Weiterleitung der Empfehlungen der Kinder an die erwachsenen Teilnehmenden der Klimaversammlung haben die Kinderermittler*innen und die Mitglieder des Kinderparlaments eine Reihe von kurzen Videos gedreht, die während der Treffen der Klimaversammlung gezeigt wurden. Dazu erhielten sie während ihres Videodrehs fachliche Unterstützung von Kommunikationsexperten.
- Handlungsaufruf: Aufbauend auf den Meinungen und Ideen aller Studienteilnehmenden haben die zwölf Kinderermittler*innen einen Katalog von Handlungsaufrufen für jedes in den Umfragen behandelte Thema aufgestellt. In der dritten und letzten Umfrage haben alle Teilnehmenden darüber abgestimmt, welche drei Handlungsaufrufe sie am wichtigsten finden.
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Ergebnisse und Fazit |
- Kinderteilhabe am Gesetzgebungsprozess: Die schottische Kinderversammlung zur Klimakrise ist ein vielversprechendes Beispiel der Kinderteilhabe an demokratischen Entscheidungsprozessen. Ihre Empfehlungen wurden im Abschlussbericht der Versammlung der schottischen Regierung vorgelegt. Die Regierung wiederum verfasste eine ausführliche Antwort auf die Empfehlungen. Ein extern durchgeführtes Gutachten gab Aufschluss darüber, dass ein Drittel der Empfehlungen in regierungspolitischen Entscheidungen berücksichtigt wurde, und ein Fünftel wurde in den Debatten angesprochen, ohne jedoch konkrete Handlungsergebnisse nach sich zu ziehen.
- Internationale Modellfunktion: Die schottische Kinderversammlung zur Klimakrise erwies sich als bewährte Praxis und mündete in der Veröffentlichung eines Ratgebers zum Thema Kinder- und Jugendteilhabe bei Klimakonferenzen (Children and Young People’s Participation in Climate Assemblies), der seitdem modellhaft als Anregung für ähnliche Versammlungen in anderen Ländern dient.
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Gewonnene Erkenntnisse |
- Stärkung der Mehrgenerationenperspektive: Die Mitwirkung von Kindern verleiht politischen Klimadebatten eine neue Dimension, da sie deutlich macht, welche Verantwortung Erwachsene gegenüber den Generationen der Zukunft haben und welche langfristigen Auswirkungen die Klimapolitik auf Kinder hat.
- Entwicklung eines klimapolitischen und demokratischen Verständnisses: Die Versammlung bot Kindern erstmals die bedeutende Gelegenheit, sich mit Klimafragen in einem formellen politischen Entscheidungsprozess auseinanderzusetzen. Viele der teilnehmenden Kinder berichteten, dass sie nun über neue oder vertiefte Kenntnisse in Sachen Klimapolitik verfügen.
- Strukturierter, auf Gesetzen basierender Ansatz: Die Umsetzung in einen Rechtsrahmen war für die praktischen und ethischen Herausforderungen unerlässlich, so dass beispielsweise Beiträge der Kinder ernst genommen und konstruktiv in die Versammlungsdebatten aufgenommen wurden. Die Aufforderung an die Kinder, nicht nur ihre Meinungen zu äußern, sondern auch als Ermittler zu fungieren, verlieh ihnen eine aktivere Rolle und mehr Selbstkompetenz.
- Feedback: Die Kinder würden es begrüßen, ausführlicheres unmittelbares Feedback darüber bekommen, wie ihre Vorschläge bei den Versammlungsmitgliedern angekommen sind und inwieweit sie berücksichtigt wurden.
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Schlüsselansätze für nachhaltige Verbesserungen |
- Ausweitung der Bürgerversammlungen: Die deutsche Regierung hat bereits das Modell in ihren Bürgerversammlungen, deren Teilnehmende 16 Jahre und älter sind, umgesetzt. Jetzt gilt es, diese Praxis auf die Mitwirkung von jüngeren Kindern auszuweiten, indem beispielsweise mithilfe von zivilgesellschaftlichen Organisationen kollaborativ ein paralleler Prozess ins Leben gerufen wird.
- Einbezug von Kindern in die Klimadebatte: Kinder haben schon vielfach ihre tiefe Anteilnahme an der Klimakrise an den Tag gelegt, werden jedoch nicht in formelle Verhandlungen mit einbezogen. Ihre Perspektiven sind ausschlaggebend für eine faire und effektive Klimapolitik.
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Weiterführende Links |
“It’s Up to You, Me, and All of Us”. Children’s Parliament and Scotland’s Climate Assembly, October 2020-March 2021. Children and Young People’s Participation in Climate Assemblies (Knowledge Network on Climate Assemblies, 2024) |