kinderrechte.de – Das Praxisportal für Fachkräfte

Qualitätsmerkmale

Qualitätsmerkmale für Kinder- und Jugendparlamente

Was macht starke Kinder- und Jugendparlamente aus? Wie arbeiten sie? Welche Bedingungen führen zum Gelingen von kommunaler Jugendbeteiligung? Jedes Kinder- und Jugendparlament funktioniert unterschiedlich. Trotzdem gibt es einige Faktoren, die zur nachhaltigen Arbeit und zum langen Bestehen vom Gremium beitragen. Diese wurden von Prof. Dr. Rolang Roth und Prof. Dr. Waldemar Stande 2018 herausgearbeitet. Die Aussagen, 7 Kernaussagen und 13 ergänzende Merkmale, sind nachfolgend zusammengefasst. Natürlich kann ein Gremium auch sehr erfolgreich arbeiten, ohne dass alle diese Merkmale zutreffen. Sie stärken die Arbeit und können ein guter Gedankenanstoß zu Veränderung sein, wenn es mal nicht so rund läuft. 

7 Kernmerkmale

    Kernmerkmal 1

    Starkes Mandat und politischer Wille

    Wirksame Jugendbeteiligung setzt einen starken Willen von unterstützenden Erwachsenen voraus. Politik und Verwaltung müssen Kinder- und Jugendparlamente explizit in der kommunalen Politik verankern und auf allen wichtigen Ebenen vertreten, einbeziehen und bestätigen. Um ihr Potential zu entfalten, brauchen Kinder- und Jugendparlamente eine bereitwillige Kommunalpolitik, die ihre Interessen und Perspektiven aufrichtig berücksichtigen will.

    Kernmerkmal 2

    Strukturelle Verankerung

    Kinder- und Jugendparlamente benötigen institutionelle Verankerung. In Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen soll eine Satzung, Regelungen zum aktiven und passiven Wahlrecht, Ausstattung und Arbeitsweise des Gremiums, sowie Mitspracherecht erarbeitet und festgehalten werden. Auch wenn feste Prozeduren wichtig sind, sollten sie mit Potential zur Weiterentwicklung gestaltet werden, um sich den wandelnden Interessen und Lebensbedingungen der jungen Menschen vor Ort anzupassen.

    Kernmerkmal 3

    Betreuende, unterstützende, moderierende und ermöglichende Fachkräfte

    Nachhaltig geführte Kinder- und Jugendparlamente benötigen nicht nur engagierte Jugendliche, sondern auch hauptamtliche Begleitkräfte, die sie bei der parlamentarischen Arbeit unterstützen. Sie sorgen z.B. für die Anbindung des Gremiums in die Ratarbeit, helfen bei Umsetzung der Vorhaben in der Kommunalverwaltung und unterstützen die Öffentlichkeitsarbeit. Bei Bedarf unterstützen sie auch in den Sitzungen.

    Kermerkmal 4

    Eigenes Budget und eigene Gestaltungsmöglichkeiten

    Ein eigenes Budget ermöglicht die Umsetzung eigener geplanter Maßnahmen, wie Kampagnen, Events und Feste. Dabei zerschlägt ein von der Kommune gestelltes Budget auch den Anschein, dass es sich bei der Einsetzung des Jugendbeteiligungsgremiums um Symbolpolitik handeln könnte, indem eine zumindest teilweise Gleichstellung zum Erwachsenenparlament vollzogen wird. Weiterhin macht es die Mitarbeit für junge Menschen attraktiver, da es durch selbst umgesetzte Veranstaltungen schneller zu Selbstwirksamkeitserlebnissen kommt. Sitzungsgelder und Kostenerstattungen ermöglichen auch finanziell schwächer aufgestellten Kindern und Jugendlichen die Mitarbeit.

    Kernmerkmal 5

    Repräsentativität und Diversität

    Kinder- und Jugendparlamente leben von Mitgliedern mit verschiedenen Lebensrealitäten. Deshalb sollte die Zusammensetzung möglichst repräsentativ für die Zusammensetzung der lokalen Bevölkerung in Hinblick auf Geschlecht, Herkunft, Behinderung, soziale Lage, Bildungsstand, sexuelle Orientierung, religiöse Identität, etc. stehen. Dadurch wird wirklich auf die Anliegen aller Kinder und Jugendlichen eingegangen. Eine annähernd repräsentative Besetzung kann durch transparente Arbeit des Gremiums, Nominierungs- und Wahlverfahren und Vernetzung mit anderen Interessenorganisationen (z.B. Kinder- und Jugendverbände, Initiativen, Vereine) erzielt werden und stellt eine laufende Aufgabe dar.

    Kernmerkmal 6

    Kooperative Haltung von Politik und Verwaltung

    Neben der institutionellen Verankerung muss auch eine jugendpartizipationsfördernde Haltung von Verwaltung und Politik gelebt werden. Diese müssen mit den Kinder- und Jugendparlamenten kooperieren. Hilfreich ist hier eine Stelle der Partizipationsbeauftragten. Auch das Kommunalparlament muss mit dem Kinder- und Jugendparlament kooperieren und es über mittelfristige Vorhaben informieren und einbeziehen. Feste Ansprechpersonen in Fachausschüssen sowie transparente Diskussions- und Entscheidungsprozesse vereinfachen hier die Arbeit.

    Kernmerkmal 7

    Selbstwirksamkeit/Wirksamkeit und politischer Einfluss

    Die Arbeit in Kinder- und Jugendparlamenten ermöglicht Kindern und Jugendlichen Selbstwirksamkeitserfahrungen, indem sie ihren Lebensraum aktiv mitgestalten und politische Themen, die sie beschäftigen, einbringen können. Sie können dafür sorgen, dass die Interessen Kinder und Jugendlicher in der Lokalpolitik stärker berücksichtigt wird, und beratend und mitwirkend bei Seite stehen.

13 Ergänzende Merkmale

    Ergänzendes Merkmal 1

    Kultur der Anerkennung

    Die in Kinder- und Jugendparlamenten engagierten Kinder und Jugendliche verdienen angemessene Wertschätzung und Anerkennung für ihre Arbeit. Dazu gehört der respektvolle Umgang auf Augenhöhe von Erwachsenen in Politik und Verwaltung, sowie der lokalen Öffentlichkeit. Sichtbare Erfolge der Arbeit tragen auch zur Anerkennung bei.

    Ergänzendes Merkmal 2

    Fehlerfreundlichkeit

    Kinder- und Jugendparlamente sind Lehr_Lernorte, in denen Fehlerfreundlichkeit zum Gelingen beiträgt. Das bedeutet, dass engagierte Kinder und Jugendliche Fehler machen dürfen, ohne in ihrer Arbeit oder als Gremium abgewertet zu werden.

    Ergänzendes Merkmal 3

    Nutzung vielfältiger Beteiligungsformate

    Auch wenn der parlamentarische Ansatz bei Kinder- und Jugendparlamenten im Fokus steht, öffnen weitere Formate wie Diskussionsrunden oder Foren die Mitwirkung von Kindern und Jugendlichen. So können auch (noch) nicht engagierte Kinder und Jugendliche Mitwirken und deren Perspektiven eingeholt und bedacht werden.

    Ergänzendes Merkmal 4

    Parlamente mit Diskussionskultur und Spaßfaktor

    In Kinder- und Jugendparlamenten kommen engagierte Kinder und Jugendlichen mit vielen Lebensrealitäten zusammen. Für eine gute Zusammenarbeit wird eine besondere Kooperationskultur benötigt, in der sie gleichberechtigt zusammenarbeiten können. Es kommt darauf an, die Tätigkeiten so zu variieren, dass sowohl konstruktiv gearbeitet werden kann, als auch Platz für Lockerheit und Spaß gefunden wird, um den jungen Menschen gerecht zu werden und sie weiterhin jung sein zu lassen.

    Ergänzendes Merkmal 5

    Rahmenbedingungen kinder- und jugendfreundlich gestalten

    Kinder- und Jugendparlamente müssen auf die lebensweltlichen Bedingungen der Teilnehmer*innen abgestimmt sein. Das bedeutet, dass die Ratssitzungen in außerschulischen Zeiten stattfinden müssen. In ländlichen Räumen können Zugänge durch z.B. Fahrtdienste erleichtert werden und so Kindern und Jugendlichen auch außerhalb von der Verfügbarkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln oder Erziehungsberechtigten mit Auto Teilnahme ermöglichen.

    Ergänzendes Merkmal 6

    Lokale Vernetzung und Kooperation

    Kinder- und Jugendparlamente bieten eine Form der Kinder- und Jugendbeteiligung. Die Vernetzung zu anderen Formaten, sowie der allgemeinen lokalen Kinder- und Jugendszene bietet eine Möglichkeit zur gegenseitigen Förderung und Stärkung.

    Ergänzendes Merkmal 7

    Vernetzung mit der kommunalen Jugendpolitik

    Die Kooperation mit dem Jugendamt, Jugendhilfeausschuss und den anerkannten Trägern der Jugendhilfe bietet Kinder- und Jugendparlamenten zusätzliche Ressourcen (z.B. Fortbildung, Beratung, Förderung) und zusätzliche Beteiligungsmöglichkeiten.

    Ergänzendes Merkmal 8

    Vernetzung über die Kommune hinaus

    Lokale Kinder- und Jugendparlamente profitieren auch vom Austausch mit ähnlichen Beteiligungsgremien in angrenzenden Kommunen, oder auf Landes- oder Bundesebene.

    Ergänzendes Merkmal 9

    Unterstützung aus der Zivilgesellschaft

    Um die verbindliche Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in der Kommune zu sichern, hilft die Unterstützung aus der breiten Öffentlichkeit und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen.

    Ergänzendes Merkmal 10

    Transparenz und Öffentlichkeitsarbeit

    Die Kinder und Jugendlichen der Kommune sollen das Kinder- und Jugendparlament, genau wie die Mitglieder, kennen und wissen, dass sie über diesen Kontakt oder Teilnahme Wirksamkeit gewinnen können.

    Ergänzendes Merkmal 11

    Kontinuität

    Um Kindern und Jugendlichen zu signalisieren, dass ihre Interessen tatsächlich ernstgenommen werden und gerne gesehen werden, sollten Kinder- und Jugendparlamente auf Dauer angelegt sein. Deshalb sollte darauf geachtet werden, dass das Gremium über eine Amtsperiode hinweg besteht und nachhaltig arbeitet.

    Ergänzendes Merkmal 12

    Unterstützende Länderregelungen

    Kommunen haben das Recht, Kinder- und Jugendparlamente einzurichten und mit Gestaltungsmöglichkeiten auszustatten. Auf Länderebene wird das bisher nur in Baden-Württemberg in der Gemeindeordnung Fassung 2015 (§ 41a) erwähnt. Um Kinder- und Jugendbeteiligung zu stärken, sind ähnliche Regelungen auch in anderen Bundesländern zu empfehlen.

    Ergänzendes Merkmal 13

    Offenheit für Lernprozesse bei allen Beteiligten

    Die Mitarbeit in Kinder- und Jugendparlamenten eröffnet den Teilnehmer*innen die Möglichkeit, über Kommunalpolitik, repräsentative Demokratie, Formen der Selbstwirksamkeit und viel mehr zu lernen. Auch die Begleitkräfte in und aus Kommunalverwaltung und -politik, haben die Chance, ihre Person als Erwachsene zu reflektieren, die Interessen der nachwachsenden Generation zu hören und gemeinsam übergenerationelle zukunftsfähige Lösungen zu finden.

Vertiefende Literatur

Broschüre: Starke Kinder- und Jugendparlamente. Kommunale Erfahrungen und Qualitätsmerkmale

Eine ausführliche Beschreibung der Qualitätsmerkmale finden Sie in unserer Broschüre. Sie zeigt auf, wie junge Menschen wirksam an kommunaler Politik mitwirken können.

mehr erfahren

Artikel zur Jugendpartizipation

Kinder- und Jugendparlamente gewinnen in vielen Kommunen an Bedeutung – ihr Potenzial bleibt jedoch oft unterschätzt. Roland Roth und Waldemar Stange zeigen, wie vielfältig diese Formate sind und warum sie wichtige Orte politischer Bildung sein können.

mehr erfahren

Weitere Informationen

Bundesvernetzungstreffen

Bei den Vernetzungstreffen werden Austausch, Teilhabe und Gemeinschaft gestärkt.

mehr erfahren

Der Jugendbeirat

Jugendliche aus Kinder- und Jugendparlamenten begleiten und stärken die Initiative mit Perspektiven und Mitwirkung.

 

mehr erfahren

Beratung

Starke Parlamente brauchen starke Beratung. Von der Gründung bis zur Förderung, alle Informationen gibt es hier.

mehr erfahren