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Finnland: Plattform für Online-Panels zur Konsultation von Kindern bei der Entscheidungsfindung 

LandFinnland Datum2022
InstitutionMinisterium für Justiz National-/Regional-/LokalebeneNational, regional, lokal

Grundgedanke 

Die finnische Regierung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kinderbeteiligungsformate strategisch zu verfestigen. Jedoch unterstützen die bereits ergriffenen Beteiligungsmaßnahmen (einschließlich der Jugend- und Schülerräte) und bereits existierenden digitalen Dienste die faire Teilhabe von Kindern und Jugendlichen in nur unzureichendem Maße. Aus diesem Grund entschied sich die Regierung für die Schaffung einer speziell auf Kinder und Jugendliche ausgerichteten digitalen Beteiligungsplattform. 

Beschreibung 

Dieses einberufene “Online-Panel” ist ein virtuell tagender Rat (Digiraati in Finnisch) der es Organisationen und Entscheidungsträgern ermöglicht, Kinder an sie selbst betreffenden Themendiskussionen teilhaben zu lassen und ihnen eine Plattform für eigene Diskussionsanregungen zu geben. Die jungen Teilnehmenden können außerdem in vermittelnder Funktion an den Vorbereitungen und Diskussionen des Digiraati teilnehmen, wodurch ihre aktive Teilhabe gefördert wird.

Die auf www.digiraati.fi  online stattfindenden Panel-Diskussionen erlauben es jungen Menschen, in sicherer und unterstützender Umgebung an Online-Diskussionen zu den verschiedensten Themen teilzunehmen. Diese Diskussionsforen, die in der Regel von sechzig Minuten bis zu mehreren Wochen dauern können, können von Regierungsministerien, örtlichen oder regionalen Behörden, zivilgesellschaftlichen Organisationen oder anderen beteiligten Institutionen, die Kinder direkt an Entscheidungsprozessen teilhaben lassen möchten, einberaumt werden. Die Plattform wurde ursprünglich für Kinder und Jugendliche im Alter von 16 bis 25 Jahren entwickelt, wurde jedoch inzwischen mit jüngeren Teilnehmenden ab 10 Jahren getestet. Die Einladung zur Teilnahme erfolgt beispielsweise über die Schulen oder über Programmangebote von Vereinen.

Bei der Entwicklung der Plattform stand der Schutz und das Wohlergehen von Kindern im Vordergrund. Teilnehmende Kinder müssen sich zur Gewährleistung ihres Datenschutzes auf der Plattform registrieren. Zur aktiven Teilnahme an einem Forum benötigen sie eine Einladung oder das Einverständnis ihrer Anfrage seitens ihres Vermittlungskontakts. Nachrichten werden anonym unter Benutzung eines Spitznamens versendet, und der Diskussionsinhalt des Panels ist für externe Besuchende nicht einsichtbar. Für die an der Organisation des Panels Beteiligten ist die erfolgreiche Absolvierung von Online-Training zu Kinderschutz und Kinderbeteiligung zwingend erforderlich, bevor sie mit der Aufgabe des Organisierens der Online-Foren betraut werden. Zu ihren Aufgaben gehört auch als Moderator der Diskussionen zu fungieren und unangemessenen Diskussionsinhalt zu entfernen.

Die Diskussionseinzelheiten eines jeden Forums sind nur den Teilnehmenden und den Organisator*innen zugänglich. Die Ergebnisse der Diskussionsrunden (einschließlich der von Kindern vorgetragenen Empfehlungen) werden jedoch zur Berücksichtigung durch die Verantwortlichen bei ihrer Entscheidungsfindung auf der Digiraati-Homepage veröffentlicht. Langfristig gesehen können die Empfehlungen und Sichtweisen der Kinder zum Aufbau einer Wissens-Datenbank dienen, die breiterem Publikum zugänglich sein wird.

Das Modell baut auf den Ergebnissen eines fünfjährigen Forschungsprojektes auf, das die Möglichkeiten der Teilhabe von Kindern bei der Entscheidungsfindung untersucht hat. Einige zivilgesellschaftliche Institutionen, wie zum Beispiel SOS-Kinderdörfer und die vom Roten Kreuz angebotene Jugendbetreuung, einschließlich der Kinder und jungen Menschen, mit denen sie arbeiten, haben aktiv beim Aufbau und Testen der Plattform mitgewirkt. 

Ergebnisse und Fazit 

  • Kinderfreundliche Methoden: Die Online-Panels bieten Kindern die Möglichkeit, sich auf leicht zugängliche und kinderfreundliche Art und Weise in den Entscheidungsprozess miteinzubringen, insbesondere solchen Kindern, für welche die Beteiligung an mit erheblichem Zeitaufwand verbundenen traditionellen Plattformen, wie beispielsweise Jugendräten, vergleichsweise untypisch ist. Beteiligte Kinder haben sich zu der Einführung diskussionsbasierter, anonymer Beteiligungsplattformen positiv geäußert.
  • Schutz durch Anonymität: Das anonyme und schützende Format gestattet es Kindern und Entscheidungsträgern, auch heikle Angelegenheiten, wie zum Beispiel LGBTQI+ betreffende Themen, Erfahrungen von Pflegekindern oder Konfrontation mit Rassissmus, anzusprechen.
  • Landesweite Aufskalierung: Dieses Modell wird inzwischen auf nationaler Ebene umgesetzt, mit dem Ziel, es als Standardformat für das Bereitstellen von Kinderbeteiligung durch Ministerien, Gemeinden, regionalen Regierungen und Schulen zu verankern.

Gewonnene Erkenntnisse 

  • Datenverwaltung: Bei der Entwicklung von Online-Diensten ist insbesondere das Verwalten von sensiblen und persönlichen Daten zu berücksichtigen.
  • Kinderbeteiligung: Die aktive Teilhabe von Kindern bei der Entwicklung dieses Modells ist unerlässlich. Dabei ist es wichtig, dass sich die an der Entwicklung Beteiligten aus einer repräsentativen Gruppe mit unterschiedlichen Computerkenntnissen zusammensetzen, damit der Zugang für alle Kinder und Jugendlichen gewährleistet ist. In diesem Zusammenhang war Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Institutionen, die direkt mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, ausschlaggebend für den Erfolg des Projekts.
  • Zugänglichkeit: Es ist bei der Entwicklung der Plattformen darauf zu achten, dass das Beteiligungsformat relativ niedrigschwellig ist, um jungen Menschen, die normalerweise nicht an solchen Projekten teilnehmen, den Zugang zu erleichtern.
  • Überwindung bürokratischer Hürden: Regierungen stehen oft nur begrenzte Budgets und unzureichende Kenntnisse in der Entwicklung von Online-Diensten für Kinder zur Verfügung. Um Zugang zu den von der Regierung bereitgestellten Online-Diensten und Datenschutzanforderungen zu gewährleisten, bedurfte es enger Zusammenarbeit zwischen sektorenübergreifenden Dienststellen auf unterschiedlichen Verantwortungsebenen. 

Schlüsselansätze für nachhaltige Verbesserungen 

  • Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Institutionen: Zur Unterstützung der Teilhabe von Kindern, insbesondere solcher Gruppen, die eher selten Gehör finden, an der Entwicklungsphase digitaler Lösungen wird die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen angestrebt.
  • Neue Plattformen für die Teilhabe von Kindern: Entwicklung neuer leicht zugänglicher Plattformen zur Einbindung von Randgruppen, die erfahrungsgemäß eher selten zu Wort kommen und deren Beteiligung daher verstärkt werden muss.  
  • Zusammenarbeit mit Schulen: Unterstützung der Schulen beim Integrieren von Beteiligungsplattformen in ihre eigenen Entscheidungsprozesse oder in den Lehrplan (zum Beispiel für Unterricht in zivilgesellschaftlicher Bildung). 

Weiterführende Links

Making voices heard - Virtual Council for young people: a developer’s perspective 

Digiraati website