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Schutz vor Gewalt

Betroffene Kinder direkt unterstützen

Gewalt verhindern und beenden

Institutionen und Fachkräfte sensibilisieren und stärken

Spanien: Kindheit ohne Gewalt

Land:SpanienDatum:Pilotphase 2021-2024, Aufskalierung erfolgt 2024
InstitutionRegionale Regierungen, UNICEF SpanienNational-/
Regional-/
Lokalebene:
Lokal
KontaktPaola Bernal, Zuständige für Sozialpolitik, UNICEF
Silvia Casanovas, Managerin für, Kinderrechtsbeteiligung und Lokalpolitik, UNICEF
Themengebiet:Schutz vor Gewalt für alle Kinder
Kinderrechtsbeteiligung

Grundgedanke

Das spanische Grundgesetz 8/2021 zum umfassenden Schutz aller Kinder vor Gewalt hat neben vielen anderen innovativen Ansätzen die Gewaltprävention als eine der Hauptsäulen des Kinderschutzrechtes deklariert. Dieser neuartige legislative Ansatz verpflichtet die spanische Regierung, verstärkte Maßnahmen im Bereich der Gewaltprävention zu ergreifen. Daher sind die Kommunalregierungen, die aufgrund ihrer lokalen Zuständigkeit praxisnahe Kinderschutzpolitik betreiben, bestens positioniert, Präventivmaßnahmen aktiv zu unterstützen und zu implementieren.

Beschreibung

Das kommunal orientierte Modell " Kindheit ohne Gewalt" zur Prävention von Gewalt gegen Kinder ist darauf ausgerichtet, multidisziplinäre Teams von Vor-Ort-Praktizierenden bei der Umsetzung von Kinder- und Jugendrechten zu unterstützen. Dabei richtet sich das Modell in erster Linie auf Gewaltprävention und die Bereitstellung sicherer Schutzräume, wobei ein fürsorglicher Ansatz großgeschrieben wird.
Das Modell entstand durch Kollaboration zwischen UNICEF Spanien und zehn Gemeindeverwaltungen als Teil eines auf die angewendete Forschung ausgerichteten zivilgesellschaftlichen Projektes. An seiner Entwicklung waren sowohl interdisziplinäre Vor-Ort-Praktizierende als auch Kinder und Jugendliche beteiligt. 
Das Modell beinhaltet konkrete Strategien und Aktionsmaßnahmen, um Gewaltpotenzial präventiv im Keim zu ersticken. Sein zweistufiger Ansatz hat das „Was?“ und das „Wie?“ zum Ziel. Der Wie-Modus umfasst neun Schritte, die es den Kommunalregierungen ermöglichen, effektivere Rahmenbedingungen zur Prävention festzulegen:
 

  1. Analyse bereits vorhandener lokaler Ressourcen
  2. Einrichtung von Führungsstrukturen zur Unterstützung von bereichsübergreifender Zusammenarbeit
  3. Ortsbezogene Analyse unter Mitwirkung von Kindern
  4. Entwicklung einer lokalen Vision zur Gewaltprävention
  5. Aufstellung kurzfristiger und langfristiger Aktionspläne
  6. Umsetzung
  7. Mittelfristige Evaluierungs- und Anpassungsphase
  8. Abschließende Evaluierung
  9. Ausarbeitung eines Folgeplans

Das Ziel dabei ist, dass die Kommunalregierungen ihre Maßnahmen mithilfe der gewonnenen Erkenntnisse ständig verbessern.  
Die „Was?“-Frage konzentriert sich auf die drei Schwerpunkte Wahrnehmung und Sensibilisierung durch Schulung, Kinder- und Jugendbeteiligung und die Schaffung von Schutzräumen.
Schlussfolgerung eines extern erstellten Evaluierungsberichts war, dass dieser Ansatz nur Wirkung hat, wenn sektorenübergreifende Zusammenarbeit, Eingriffsmaßnahmen vor Ort und Ressourcenoptimierung im Einklang mit Kinderrechtskonventionen gestärkt werden.
Ausarbeitung dieses Models wurde von der spanischen Regierung unterstützt. Zur großflächigen Anwendung hat UNICEF Spanien unter Mitwirkung der spanischen Regierung einen virtuellen Richtlinienkatalog zur schrittweisen Implementierung für die örtlichen Gemeinden aufgestellt, welcher auch in kinderfreundlicher Version erhältlich ist.

Ergebnisse und Fazit

  • Eine extern durchgeführte Evaluierung der Initiative bestätigte, dass die Bedeutung von Maßnahmen zur Gewaltprävention unter Fachleuten stärker wahrgenommen wird, dass sektorenübergreifende Zusammenarbeit verbessert wurde, dass Koordinierungsmaßnahmen effizienter geworden sind und dass auf multidisziplinärer Ebene mehr für den Schutz von Kindern vor Gewalt getan wird.
  • Die Evaluierung verzeichnete außerdem positive Ergebnisse bei der Kosten-Nutzen-Analyse, insbesondere in Kommunen mit mehr als 50.000 Einwohnern, die über einen Zeitraum von 10 Jahren schätzungsweise fast 3 Millionen Euro einsparen können.

Gewonnene Erkenntnisse

  • Maßnahmen zur Prävention neuer Formen von Gewalt: Die Situationsanalyse bestätigte, dass sich Kinder der Gewaltform des Mobbings am häufigsten ausgesetzt fühlen, es jedoch den für die Kinderfürsorge zuständigen Institutionen auf lokaler Ebene an einer strategischen Vision mangelt, wie dagegen vorgegangen werden könnte.
  • Unzureichende Kollaboration und fehlende Gewaltpräventionsmodelle: 
    An der Initiative beteiligte Fachleute haben ihre Bedenken geäußert, dass Kinderschutzmaßnahmen häufig isoliert und fragmentiert durchgeführt werden, ohne umfassende Strategie. Es besteht ein Mangel an Koordinierung und Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Regierungsbereichen, wie zum Beispiel Soziales, Gesetzesvollzug und Pädiatrie. Dieses Modell stellt einen strukturierten und strategischen Präventionsansatz dar.

Entwicklungschancen für die deutsche Regierung

  • Gesetzlicher und politischer Rahmen: Verabschiedung gesetzlicher Rahmenbedingungen oder eines bundesweit festgelegten Mindeststandards zum Schutz vor Gewalt an Kindern, ähnlich dem spanischen Grundgesetz 8/2021, zwecks Verfestigung eines proaktiven, statt eines lediglich reaktiven Engagements beim Ergreifen von Kinderschutzmaßnahmen.
  • Entwicklung und Austestung eines Rechtsrahmens für Gewaltprävention, in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Partnerinstitutionen: Ausarbeitung einer ähnlichen Pilotinitiative in Zusammenarbeit mit örtlichen Gemeinden und zivilgesellschaftlichen Partnerinstitutionen, basierend auf den aus der spanischen Initiative ‘Kindheit ohne Gewalt’ gewonnenen Erkenntnissen. Vorausgesetzt, dass eine sodann durchgeführte Evaluierung ähnlich positive Ergebnisse aufzeigt, kann die Initiative dann länderübergreifend ausgedehnt werden.
  • Multidisziplinärer Ansatz: Unterstützung regionaler Kommunen beim Bilden von sektorenübergreifenden Arbeitsgruppen im Bereich Soziales, Bildung, Gesetzesvollzug und Gesundheitswesen mit klar formulierten Aufträgen für Kinderschutz und Gewaltprävention.

Leseanregungen

  • Model website with all program materials
  • Evaluation summary