Kinderrechte in Deutschland
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Die den Weg für die Kinderrechte bereiteten

Heute gibt es die UN-Kinderrechtskonvention, die in fast al­len Ländern der Welt gilt und die allgemeine Rechte für Kin­der und Jugendliche festlegt. Das war aber nicht immer so.

Seit mehr als 100 Jahren gibt es Menschen, die sich für die Rechte der Kinder stark machen und durch ihr En­ga­ge­ment dazu beigetragen haben, die Situation der Kinder und Ju­gend­li­chen in der Welt zu verbessern.

Hier werden einige dieser Persönlichkeiten vorgestellt:

Die Reformpädagogin und Schriftstellerin Ellen Key

Ellen Key war Schwedin und lebte von 1849 bis 1926. Sie wuchs mit fünf Geschwistern in einer Familie auf, in der den Kindern der größtmögliche Freiraum gewährt und ihnen das Recht auf Persönlichkeit zuerkannt wurde.

So hatte Ellen bereits mit zwölf Jahren ihr eigenes Zimmer, in das sie sich zurückziehen konnte. Für damalige Verhältnisse war das sehr ungewöhnlich.

Mit dem Umzug der Familie nach Stockholm wuchs Ellens Interesse an politischen und gesellschaftlichen Fragen und sie begann sehr früh eigene Artikel über das politische und gesellschaftliche Geschehen ihrer Zeit zu verfassen.

Als Dozentin mit starker persönlicher Überzeugungskraft und Ausstrahlung war sie eine begehrte Rednerin bei Arbeiter-, Studenten- und Frauenvereinen. Sie engagierte sich insbesondere für Kinder- und Frauenrechte.

Im Jahre 1900 erschien ihre Studie „Das Jahrhundert des Kindes“, die schon bald in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Die Werke Ellen Keys lieferten der breiten Bewegung der Reformpädagogik Anfang des 20. Jahrhunderts wichtige Anstöße. In der Folgezeit wurden zahlreiche schul- und bildungspolitische Vorschläge Keys wie der Verzicht auf die führende Rolle des Lehrers während des Unterrichts und auf zuvor geplante Unterrichtsergebnisse umgesetzt.

Ihre Gedanken zur Erziehung:

  • „Ruhig und langsam die Natur sich selbst helfen lassen und nur sehen, dass die umgebenden Verhältnisse die Arbeit der Natur unterstützen, das ist Erziehung." Der Grundsatz des Wachsenlassens ist nur dann sinnvoll, wenn man dem Kind eine Kraft zubilligt, die zur Entfaltung drängt.
  • Nicht gemeint ist damit eine Passivität des Erziehers, sonders ein aktives Eingreifen in das Erziehungsgeschehen, ein konstruktives Wirken.
  • „Das Kind mit Baumaterial für seine Persönlichkeit versehen, es aber dann selbst bauen zu lassen, das ist die Kunst der Erziehung!"
  • „Erziehen ist Individualisieren."
  • „Selbst wie ein Kind zu werden ist die erste Voraussetzung, um Kinder zu erziehen."

Modell von der Schule der Zukunft (in Auszügen dargelegt):

  • eine wirkliche Gesamtschule, wo die Kinder der einen wie der anderen Gesellschaftsklasse das gegenseitige Vertrauen, die gegenseitige Achtung, das gegenseitige Verständnis lernen
  • Senkung der Klassenstärke auf ca. 12 Schüler
  • Abbau der Stofffülle
  • Unterrichtsfächer müssen konzentriert dargeboten werden
  • Methodenpluralismus an Stelle von Abfragetechnik
  • Ein differenzierter Unterricht hat „wahlfreies Selbststudium" zu ermöglichen
  • Abschaffung der traditionellen Hausaufgaben, stattdessen freies Literaturstudium
  • frühe Spezialisierung da, wo ausgeprägte individuelle Anlagen vorhanden sind
  • Konzentration auf gewisse Gegenstände zu gewissen Zeitpunkten
  • selbständiges Arbeiten während der ganzen Schulzeit
  • Wirklichkeitsberührung während aller Schulstadien
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Der pädagoge Alexander Sutherland Neill

Alexander Sutherland Neill war Schotte und lebte von 1883 bis 1973. Er war Pädagoge und langjähriger Leiter der von ihm gegründeten Demokratischen Schule Summerhill.

Bereits mit viereinhalb Jahren wurde Alexander in der Schule, in der sein Vater unterrichtete, eingeschult. Nicht nur in Schottland war es zu dieser Zeit üblich, Kinder mit harten Strafen und Schlägen zu disziplinieren und damit er als Sohn des Lehrers nicht als bevorzugt galt, wurde er besonders streng behandelt. Nach der Schule lernte er zuerst Buchhalter und dann Ein­zel­händler. Beide Berufe lagen ihm nicht und so wurde er Pupil Teacher an der Schule sei­nes Va­ters, wo er vier Jahre später ein Lehrerdiplom erhielt. Damit war er nun Hilfslehrer. An un­ter­schied­lichen schottischen Dorfschulen tätig, entwickelte er eine tiefe Abneigung gegen die üblichen harten Er­zie­hungs­me­tho­den.

Mit der Übernahme der Stellvertretung des Rektors der Gretna Public School, der im Ersten Weltkrieg an die Front musste, machte er Erfahrungen, die für ihn zum intellektuellen Wendepunkt wurden. War er bis dahin noch ein wi­der­wil­lig angepasster Lehrer, so begann er sich nun alternative Gedanken zu Erziehungsfragen zu machen.

Neill lehnte den Lernzwang und das Strafsystem ab und legte entschieden mehr Wert auf Spiel und Freude. Seinen Schülern war es zum Beispiel erlaubt, den Unterricht zu verlassen, wenn sie das wollten.

Nach mehreren zum Teil gescheiterten Versuchen, an bestehenden Schulen seine Reformgedanken umzusetzen, gab Neill ab 1920 die Zeitschrift „Education on the New Era“ heraus. In diesem Zusammenhang unternahm er viele Reisen, um die unterschiedlichsten Schulversuche in Europa kennen zu lernen. Seine Reisen führten ihn auch nach Dresden-Hellerau, wo er eine alte Bekannte – Lilian Neustätter – wieder traf, die er später heiratete. Dort gründete er 1921 die „Internationale Schule“, die er endlich nach seinen Vorstellungen führen konnte. Schon 1923 musste die Schule schlie­ßen, da sie keine wirtschaftliche Basis mehr hatte. Ein neuer Versuch, sie in Österreich wieder auf­zu­bau­en, schei­ter­te ebenfalls nach kurzer Zeit.

So entschlossen sich Neill und seine Mitstreiter, den Schulsitz nach England zu verlegen. Ende 1924 mieteten sie ein Haus in der Grafschaft Dorset, das auf dem „Summerhill“ lag. Hier bekam die Schule schließlich den Namen, mit dem sie einmal weltberühmt werden sollte. Die Schule spezialisierte sich auf Problemkinder, die an anderen Schulen schwie­­rig, faul, träge und asozial erschienen.

Neill legte drei Hauptmerkmale von Summerhill fest:

  1. Selbstverwaltung
  2. selbstbestimmtes Lernen
  3. Freiheit von Moralvorstellungen

Den Kindern wurde somit viel Freiheit gegeben, jedoch waren sie nicht frei von Regeln. Es galt das Prinzip freie Er­zie­hung. Neill wollte es den Kindern ermöglichen, ihr eigenes Leben zu leben, nicht das, was ihnen Autoritäten wie El­tern oder Erzieher vorschreiben.

Seit mehr als 80 Jahren existiert Summerhill nun schon und mit dem Ausgang des Gerichtsprozesses vor dem Inde­pendent Schools Tribunal im März 2000 zugunsten der Schule ist sie auch nicht mehr von der Schließung bedroht. Das Gericht stellte nämlich fest, dass sich Lernen nicht immer notwendigerweise im Unterricht ereignen müsse und un­ter­band die außergewöhnlich häufigen Inspektionen der Schule. Diese Entscheidung gibt Summerhill einen dauerhaft ge­si­cher­ten Status, der lange Zeit nicht vorhanden war.

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Der Kinderrechtler Ekkehard von Braunmühl

Ekkehard von Braunmühl wurde 1940 geboren. Er ist freier Publizist und Kinderrechtler und der Begründer der Antipädagogik.

Braunmühl tritt radikal für die Abschaffung des Erziehungssystems, wie wir es kennen, ein. Der „Dressur“ der Kinder, um sie so nach den Vorstellungen der Erwachsenen zu „for­men“ – was ohnehin nicht gelingen kann – setzt er Respekt vor der sich entwickelnden Per­sön­lich­keit und einen gleichberechtigten Umgang mit dem Kind entgegen.

Erziehung und Pädagogik sind aus Sicht der Antipädagogen zum einen nicht mit der Men­schen­wür­de vereinbar und zum anderen nach ihrer Erfahrung auch unnötig. Dieser Perspektive liegt eine spe­ziel­le De­fi­ni­tion von Erziehung/Pädagogik zugrunde.

Aus antipädagogischer Sicht bedeutet Erziehung eine geplante und gezielte Tätigkeit des Menschen, mit denen er meist das Denken, zumindest aber das Verhalten eines anderen Menschen verändern will.

Alternativ schlägt die Antipädagogik eine gleichberechtigte Lebensweise zwischen Menschen, vor allem zwi­schen jungen und älteren Menschen (Erwachsenen und Kindern) vor. Verschiedene Autoren liefern in ihren Bü­chern praktische Erfahrungsberichte derartigen Zusammenlebens.

Im Gegensatz zur antiautoritären Erziehung fordert die Antipädagogik nicht die Aufhebung aller Grenzen für Kin­der. Vielmehr unterscheidet sie zwischen defensiven und aggressiven Grenzen. Defensive Grenzen werden zur ei­ge­nen Verteidigung gesetzt, um sich vor fremdem Übergriffen zu schützen (z. B.: Es stört mich, dass du nachts um drei laut Musik hörst, weil ich dann nicht schlafen kann.). Defensive Grenzen entsprechen dem Grundsatz „Freiheit, so­lan­ge die Freiheit des anderen nicht eingeschränkt wird“.

Aggressive Grenzen werden hingegen anderen Menschen gesetzt, um sie z. B. vor sich selber zu schützen und sie zu ihrem (angeblichen) Glück zu zwingen (z. B.: Du darfst keine laute Musik hören, weil das nicht gut für dich ist.) oder den Erwartungen anderer zu genügen (z. B.: Wirf nicht mit dem Brei herum, das gehört sich nicht.). Diese er­zie­he­ri­schen Gren­zen werden abgelehnt.

Auch Grenzen, um Kinder (vorgeblich oder tatsächlich) zu schützen, werden abgelehnt, da Kinder sie jederzeit um­ge­hen können, wenn sie alleine sind.

Als besonderes Problem wird von den Antipädagogen Erziehung zu Werten, wie Demokratie, Toleranz und Selb­ständigkeit angesehen, da Erziehung als solche diese Werte konterkariert. Wenn man z. B. versucht, mit un­de­mo­kra­ti­schen Mitteln (also durch Erziehung) einen Menschen zu einer demokratischen Haltung zu bewegen, so sei das Ergebnis das Gegenteil, nämlich Verwirrung und fehlendes Vertrauen in Demokratie. Stattdessen soll man mit Kin­dern De­mo­kra­tie leben, anstatt sie zu predigen.

Obwohl die Begriffe Erziehung/Pädagogik vor allem in der Wissenschaft, aber mittlerweile auch in der Alltagssprache sehr vielfältig gebraucht werden, reduzieren die Antipädagogen sie auf ein vergleichsweise einfaches, undifferenziertes Schema. Zudem setzt die Antipädagogik aufs Lernen durch Anschaulichkeit. Die Vermittlung von Ab­strak­tio­nen, sowohl in moralischer (Du sollst nicht stehlen.) als auch in praktisch-technologischer (diverse ma­the­ma­ti­sche Formeln, die sich nicht durch anschauliche Beispiele auflösen lassen) Hinsicht, wird somit er­schwert.

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Die britische Aktivistin der Kinderrechte Eglantyne Jebb

Eglantyne Jebb lebte von 1876 bis 1928. Ihre Familie war - obwohl eine reiche Familie - geprägt durch ein starkes soziales Bewusstsein und Engagement.

Eglantyne Jebb wurde in Ellesmere, Shropshire geboren und wuchs auf dem Besitz ihrer Familie auf.

Ihre Mutter hatte die Home Art and Industries Assosiation gegründet, um für das Kunst­ge­wer­be unter jungen Leuten in ländlichen Gegenden zu werben, ihre Schwester Louisa half, die Land­frau­en­ar­mee im Ersten Weltkrieg zu gründen, und ihre Schwester Dorothy, die den Labour-Party-Abgeordneten Charles Roden Buxton heiratete, kämpfte nach dem Krieg gegen die Verteufelung der deutschen Bevölkerung.

Nachdem sie Geschichte in der Lady Margaret Hall, Oxford studiert hatte, wurde Eglantyne Grundschul­leh­rerin, aber die Erfahrung eines Jahres in einer Grundschule in Marlborough überzeugte sie davon, dass dies nicht ihre Berufung war. Sie zog nach Cambridge, um sich um ihre kranke Mutter zu kümmern. Dort be­gann sie bei der Charity Or­ga­ni­za­tion Society zu arbeiten, der es darum ging, einen modernen wis­sen­schaft­lichen Ansatz in die Wohltätigkeitsarbeit zu bringen. So kam es, dass sie ein weit reichendes For­schungs­pro­jekt über die Verhältnisse in der Stadt durchführte. Im Jahr 1906 gab sie ein auf diesen For­schun­gen beruhendes Buch mit dem Titel „Cambridge - eine Studie über soziale Fragen" heraus.

Als der Krieg zu Ende ging und die deutsche und die österreichisch-ungarische Wirtschaft kurz vor dem Kollaps stan­den, wurde Dorothy und Eglantyne klar, dass die Kinder in diesen Ländern entsetzlich unter den Auswirkungen des Krie­ges und der Alliiertenblockade litten, auch nachdem der Waffenstillstand unterschrieben wurde. „Alle Kriege, ge­recht­fer­tigt oder ungerechtfertigt, verhängnisvoll oder siegreich, sind Kriege gegen Kinder.“ (Eglantyne Jebb) Eine Interessensgruppe, das Komitee zum Kampf gegen die Hungersnot, kam im Jahr 1919 zusammen, um die britische Regierung dazu zu bringen, die Blockade zu beenden.

Bald jedoch verschob sich der Fokus dahingehend, Hilfe zu organisieren. Am 15. April 1919 stellte das Komitee einen Fonds bereit, um Geld für die deutschen und österreichischen Kinder zu sammeln – den Save the Children Fonds. Die Gründung dieser Organsisation wurde am 19. Mai 1919 in der Royal Albert Hall verkündet. Ein Augenzeuge be­rich­tet da­rü­ber: „Die Menschen kamen mit faulen Äpfeln, die sie den Verrätern an den Kopf werfen wollten, die Gelder für die Kinder der Feinde sammeln wollten. Aber sie taten es nicht, sondern hörten Eglantyne Jebb zu. Sie begann zö­ger­lich. Aber angetrieben durch die Leidenschaft für ihre Aufgabe wurde ihre Stimme immer lauter.“ So wurde die Grün­dung von Save the Children ein großer Erfolg und sie sammelten völlig unerwartet in der britischen Öf­fent­lich­keit schnell eine große Summe Geldes und Beamte wurden dazu abgestellt, um die Hilfsarbeit zu or­ga­ni­sie­ren. Der Erfolg des Fonds brachte Eglantyne und Dorothy Jebb auf die Idee, zu versuchen, eine in­ter­na­tio­na­le Be­we­gung für Kin­der ins Leben zu rufen. Und so wurde 1920 in Genf die International Save the Children Union unter Führung des britischen Save the Children Fonds und des schwedischen Rädda Barnen gegründet.

In London war es jetzt Eglantyne Jebb, das verantwortlich war, und sie stellte sicher, dass der Fonds den pro­fes­sio­nel­len Ansatz übernahm, den sie in der Charity Organization Society erlernt hatte. Ein Manager, Lewis Golden, wurde eingestellt, um die Organisation auf eine geschäftsmäßige Grundlage zu stellen. Er übernahm die innovative - und strittige - Methode ganzseitiger Anzeigen in nationalen Zeitungen. Das war sehr effektiv und verschaffte dem Fonds in wesentlichem Maße Einkünfte, um seine Arbeit zu realisieren.

Bei all der Arbeit, die der Fonds leistete, war ein wesentliches Element im Denken von Eglantyne Jebb der Einfluss einer planmäßigen, wissenschaftlich fundierten Herangehensweise. Im Jahr 1923, als die Hilfslei­stungen in Russland zum Ende kamen und das Einkommen des Fonds drastisch sank, wandte sie sich einer anderen Aufgabe zu – den Kinderrechten. Sie reiste nach Genf zu einem Treffen des Welt­ver­ban­des mit dem Plan einer Kindercharta. Das Ergebnis war ein kurzes und klares Dokument - entworfen von Eglantyne Jebb – welches die Rechte von Kindern erklärte und die Pflicht der in­ter­na­tio­na­len Ge­mein­schaft, die Rechte des Kindes bei der Planung an die erste Stelle zu setzen. Die Deklaration der Rechte des Kindes, oder die Genfer Erklärung, unter der sie auch bekannt wurde, wurde ein Jahr später vom Völkerbund angenommen.

Mit der Rückkehr des Friedens nach Europa und dem Rückgang der Hilfsleistungen verschob sich der Fokus von Save the Children auf die Bekanntmachung der Deklaration. Im Jahr 1925 fand der 1. In­ter­na­tio­nale Kongress zur Wohl­fahrt des Kindes in Genf statt. Die Deklaration wurde breit von den Or­ga­ni­sa­tio­nen und Regierungen diskutiert und unterstützt. Eine erweiterte Version der Deklaration wurde 1959 von den Vereinten Nationen angenommen und sie war eine der wichtigsten Inspirationen für die 1989 verabschiedete UN-Konvention über die Rechte des Kindes.

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Der Arzt und Schriftsteller Janusz Korczak

Janusz Korczak wurde unter dem Namen Henryk Goldszmit 1878 in Warschau geboren und kam 1942 vermutlich im Vernichtungslager Treblinka ums Leben.

Janusz Korczak wurde als Sohn eines wohlhabenden Anwaltes geboren. Er besuchte ein Humanistisches Gymnasium, wo er auch Latein, Deutsch, Französisch und Altgriechisch lernte. Unterrichtssprache war zu der Zeit Russisch.

Von 1898 bis 1904 studierte er an der Kaiserlichen Universität von Warschau Medizin und arbeitete nach seiner Promotion sieben Jahre lang an einer Warschauer Kinderklinik. Neben seiner medizinischen Aus­bil­dung hatte Henryk Goldszmit zu schreiben begonnen. Dazu nutzte er das Pseudonym Janasz Korczak. In der Presse mutierte dieses Pseudonym zu Janusz Korczak, bei dem er dann blieb.

Seine ersten Romane machten ihn schnell so bekannt, dass er zum Modearzt aufstieg. Die so zusätzlich erzielten Einnahmen nutzte er für sein Engagement für arme und verwahrloste Kinder.

Nach seinen Plänen wurde ein jüdisches Waisenhaus errichtet und als man ihm die Leitung antrug, gab er seinen Arztberuf auf und nahm die Stellung an. Dom Sierot wurde sein Lebensinhalt.

Als Leiter des Waisenhauses erhielt er den pädagogischen Spielraum, um seine auf prinzipiellen Kinder­rechten beruhenden Ideen umzusetzen und nach neuen Wegen zu suchen, beispielsweise bei der Um­set­zung eines Kinderrepublik-Modells.

Während des Ersten Weltkrieges wurde er als Divisionsarzt der russischen Armee einberufen. In dieser Zeit schrieb er sein wichtigstes pädagogisches Werk „Wie man ein Kind lieben soll“.

Neben seiner Arbeit im Dom Sierot arbeitete Korczak auch im Waisenhaus Nash Dom, war Dozent am Institut für Son­der­pädagogik, Sachverständiger für Erziehungsfragen beim Bezirksgericht und Redakteur einer Kinderzeitung. Er schrieb zahlreiche Kinderbücher und Erzählungen sowie pädagogische Schriften und wurde schließlich sogar Mit­ar­bei­ter beim polnischen Rundfunk.

Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf Polen musste das Dom Sierot in das Warschauer Ghetto um­ziehen. Trotz der unsäglichen Bedingungen im Ghetto schrieb Korczak in dieser Zeit Tagebuch. Dieses konnte gerettet werden und wurde 1958 erstmals veröffentlicht. Es war eine Mischung aus Lebens­er­in­ne­run­gen, tagebuchartigen Beschreibungen des Ghettoalltags sowie Zukunftsvisionen und Traumdeutungen.

Im August 1942 wurden die Kinder des Waisenhauses zum Transport in das Vernichtungslager Treblinka abgeholt. Janusz Korczak, der wiederholt die Möglichkeit gehabt hatte, sein eigenes Leben zu retten, ging zusammen mit den Kindern auf die Reise.

In seinem wichtigsten pädagogischen Werk „Wie man ein Kind lieben soll“ beschäftigt sich Janusz Korczak bereits mit den aus seiner Sicht grundsätzlichen Rechten für das Kind, die er dann in der unter dem Titel „Das Recht des Kindes auf Achtung“ zusammengefassten Vortragsreihe weiterentwickelte. Er formulierte das Recht auf Achtung der Kindheit als vollwertigen Lebensabschnitt und konkretisierte dies in ver­schie­de­nen Ein­zel­rechten, wie

  • Achtung der Unwissenheit des Kindes
  • Achtung der Wissbegierde des Kindes
  • Achtung der Misserfolge und Tränen des Kindes
  • Achtung des Eigentums des Kindes

sowie das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist.

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Der US-amerikanische Autor und Pädagoge John Caltwell Holt

John Caldwell Holt lebte von 1923 bis 1985. Er veröffentlichte mehrere Bücher über selbstbestimmtes Lernen und Kin­der­rech­te und gab die Zeitschrift "Growing Without Schooling" heraus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete John Holt zunächst in New York bei den United World Federalists und wurde Geschäftsführer ihrer New Yorker Abteilung, verließ dies Or­ga­ni­sa­tion jedoch 1952.

Anschließend arbeitete er als Lehrer in Colorado, später in Boston. Zusammen mit Bill Hull begann er ein Projekt, bei dem jeweils einer unterrichtete und der andere den Unterricht beobachtete. Holt ging dabei der Frage nach, warum die Kinder in der Schule mit der Zeit das Interesse am Lernen verlieren. Er kam zu dem Schluss, dass dies daran liegt, dass die Schüler Angst haben, falsche Antworten zu geben und von Lehrern und Mit­schü­lern verspottet zu werden und nicht gut genug zu sein. Dies werde weiter dadurch verschlimmert, dass Schüler ge­zwun­gen werden, Dinge zu lernen, die sie nicht notwendigerweise interessieren.

Auf Grundlage dieser Beobachtungen veröffentlichte John Holt die Bücher "How Children Fail" 1964 und "How Children Learn" 1967. Beide Bücher wurden zusammen mehr als zwei Millionen Mal verkauft und in 14 Sprachen übersetzt. Zu beiden Büchern erschien 1982 je eine erweiterte kommentierte Ausgabe, in der Holt die vergangenen Jahre reflektierte und Passagen anders bewertete.

In seinem 1974 erschienenen kinderrechtlichen Buch "Escape from Childhood" forderte er das Recht der Kinder, über ihr Lernen selbst zu bestimmen, d.h. selbst zu entscheiden, was, wann, wo, wie, wie viel, wie schnell und mit welcher Hilfe sie lernen wollen, sowie das Recht zu entscheiden, ob sie zum Lernen eine Schule aufsuchen wollen, und wenn ja: welche und für wie lange. Er begründete dies damit, dass die Lernfreiheit Teil der Gedankenfreiheit sei und diese noch fundamentaler als die Meinungsfreiheit sei. Des Weiteren sprach er sich in "Escape from Childhood" für das Kin­der­wahl­recht aus, sowie für das Recht, Verträge zu schließen.

Nachdem John Holt jahrelang im Schulsystem gearbeitet und versucht hatte, Schulen zu reformieren, kam er zu der Überzeugung, dass das Schulsystem nicht reformierbar sei. Er machte sich Gedanken darüber, wie Kinder ohne kon­ven­tio­nel­le Schulen lernen können. So wurde er Befürworter des Homeschooling und etablierte dessen als Un­schoo­ling bekannt gewordene Richtung. 1977 gründete Holt mit "Growing Without Schooling" das erste Home­schoo­ling-Magazin der USA.

Die Schriften John Holds beeinflussten tausende von Menschen und Organisationen, einschließlich Summerhill School, The Evergreen State Colleg, National Youth Rights Assocation und das Freechild Project. Im Alter von 62 Jahren starb Hold an Krebs, nachdem er mehr als zehn Bücher geschrieben hatte, die großen Einfluss auf die Entwicklung der Homeschooling- und Unschooling-Bewegung hatten.

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Die Aktivistin gegen sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen Solamy Mam

Somaly Mam wurde 1971 in Bou Sra in der kambodschanischen Provinz Mondulkiri geboren und ist vor allem als Aktivistin im Kampf gegen die sexuelle Ausbeutung von jungen Mäd­chen und Frauen bekannt.

Bereits in ihrer Kindheit wurde sie mit der Armut konfrontiert. Sie lernte weder ihren Vater noch ihre Mutter kennen, sondern wuchs bei einer Pflegefamilie auf. Im Alter von zehn Jahren wurde sie einem „Onkel“ anvertraut, der nun ihr „Großvater“ sein sollte, dem sie aber als Haus­skla­vin diente. Ein Nachbar kümmerte sich irgendwann darum, dass sie wenigstens kurze Zeit zur Schule gehen konnte.

Mit zwölf Jahren wurde sie von dem „Großvater“ zu einem chinesischen Kaufmann geschickt, der Somaly Mam ver­gewaltigte. Auf diese Weise zahlte der „Großvater“ seine Schulden ab. Mit 14 oder 15 Jahren wurde sie mit einem zwölf Jahre älteren Mann verheiratet, dem der „Großvater“ ebenfalls Geld schuldete. Dieser Mann war brutal, er miss­han­del­te und vergewaltigte sie. Als der Mann nach einem Einsatz nicht mehr zurückkam, verkaufte der „Groß­va­ter“ sie an ein Bordell in Phnom Penh weiter.

Mehrere Jahre lang zwang man sie zur Kinderprostitution. Fluchtversuche scheiterten, Erniedrigungen und Schläge ließen sie resignieren. Ihr Leben änderte sich, als sie ihren späteren Mann, den Franzosen Pierre Legros kennen lernte. Mit seiner Hilfe konnte sie der Prostitution entkommen. Die bis dahin erlittenen Qualen ließen Somaly Mam aber nicht los und so gründete sie 1976 die internationale Organisation AFESIP (Agir pour les Femmes en Situation Précaire), die sich gegen Kinderprostitution und Men­schen­han­del in Asien einsetzt.

1998 erhielt sie aus den Händen des spanischen Kronprinzen den Prinz-von-Asturien-Preis für „In­ter­na­tio­na­le Zu­sammenarbeit“. Im Oktober 2006 wurde sie von der amerikanischen Zeitschrift „Gla­mour“ in der New Yorker Car­ne­gie Hall als „Woman of the year“ ausgezeichnet – unter anderem mit Sandra Bullock, Queen Latifah, Katherine Jefferts Schori, Laurie David, Tammy Duckworth und Billie Jean King.

In ihrem Buch „Das Schweigen der Unschuld“ schildert Somaly Mam eindringlich und aufwühlend die unglaubliche Geschichte einer jungen Frau, die von klein auf Opfer sexueller Willkür und Demütigung wurde und sich heute für die entrechteten Kinder stark macht.

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